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Rivista Antonianum
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Foto Volgger David , Recensione: ROY E. GANE, Cult and Character. Purification Offerings, Day of Atonement, and Theodicy, in Antonianum, 82/3 (2007) p. 573-575 .

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Roy E. Gane mit Kulttexten altorientalitscher Kulturen. Bereits 1992 hat er eine Ph.D. Dissertation zu diesem Thema an der University of California at Berkley angefertigt: "Ritual Dynamic Structure: Systems Theory and Ritual Syntax Applied to Selected Ancient Israelite, Babylonian and Hittite Festival Days". Im Anschluß daran hat er seine Interpretation zu den Reinigungsopfern und dem Tag der Versöhnung in Israel überprüft, verfeinert und ausgebaut. Das Ergebnis dieser Arbeit liegt nun in seinem Buch "Cult and Character. Purification Offerings, Day of Atonement, and Theodicy" vor. Gane hat das Werk seinem Lehrer Jacob Milgrom gewidmet, der ihn nicht nur in den 80-iger Jahren für das Buch Leviticus begeistern konnte, sondern ihm auch 20 Jahre später mit Stolz bescheinigt, die erste gehaltvolle Kritik zu seinem dreibändigen Levitikus-Kommentar (The Anchor Bible) vorgetragen zu haben.

Das Buch von Gane gliedert sich in vier Hauptabbschnitte: 1.) Ritual, Bedeutung und System; 2.) Reinigungsopfer während des Jahres; 3.) Phasen des Prozesses "kpr"; 4.) Kult und Theodizee. Es ist unmöglich, die Fülle der detaillierten Analysen und Überlegungen Ganes nachzuzeichnen. Dennoch möchte ich einen zentralen Punkt der Untersuchung hervorheben, in dem sich der Schüler Gane von seinem Lehrer Milgrom unterscheidet.

Es geht dabei um Milgroms Theorie zum Reinigungsopfer, die vereinfacht besagt: Jedem Reinigungsopfer geht eine Verunreinigung des Heiligtums voraus. Diese Verunreinigung geschieht automatisch, irgendwie über die Luft, und materialisiert sich am Heiligtum in einer Art "Miasma" (S. 151-154). Gane unterstreicht dagegen, daß nur einige moralische Vergehen, insofern man sie begeht, das Heiligtum aus Distanz (automatisch) verunreinigen (vgl. Lev 20,3; Num 19,13.20). Der Pentateuch schweigt allerdings dazu, wie sich diese schweren Vergehen auf das Heiligtum übertragen. Eine Verunreinigung ist also nicht mit einer physischen Substanz oder einer Kraft wie Gas, Miasma, Strahlung, Elektrizität gleichzusetzen. Dennoch sind Konzepte wie "Miasma" oder "Strahl" hilfreiche Metaphern, um Gegenstände bzw. Sachverhalte an unterschiedlichen Orten aufeinander zu beziehen (S. 159f).

Diese Beurteilung des metaphorischen Sprachgebrauchs findet sich u.a. auch in der Definition von Ritualen, die Gane auf Seite 15 bietet: "Ein Ritual ist ein besonderes Handlungssystem, von dem man annimmt, daß es einen Transformationsprozeß auslöst in Wechselbeziehung mit einer Realtität, die normalerweise der materiellen Dimension unzugänglich ist". Abgesehen davon, daß YHWH in religiösen Ritualen normalerweise jenseits der weltlich-materiellen Sphäre vorgestellt wird, gilt dies auch für die konkrete Realität des Vergehens, die das Heiligtum automatisch verunreinigt: Dieser Vorgang ist immateriell und kann höchstens metaphorisch durch ein Konzept wie Miasma o.ä. verständlich gemacht werden. Nach Gane muß das Vergehen des Molochkultes (Lev 20,1-5) nicht nur mit der Ausrottung des Schuldigen, ev. sogar samt seiner ganzen Sippe, geahndet werden; es muß zusätzlich das Heiligtum (am Versöhnungstag) gereinigt werden, weil das "Miasma" des Molochdienstes auch das Heiligtum irgendwie in Mitleidenschaft gezogen hat. Es fällt aber auf, daß Lev 20,1-5 von keiner Reinigung des Heiligtums spricht. Das soll aber nicht heißen, daß der Ritus am Versöhnungstag nicht doch Unreinheiten am Heiligtum beseitigt.

Wird ein Vergehen nicht doch ein Stück weit materialisiert, wenn es heißt, daß das Opfermaterial das Übel vom Übertreter absorbiere? (S. 276) Der Vergleich bezieht sich ganz offensichtlich auf eine zentale Vorstellung für die Entfernung von Unreinheiten: Mit einem Schwamm kann man z.B. schmutziges Wasser vom Fußboden aufsaugen und diesen dadurch reinigen. In ähnlichen Zusammenhängen kann man auch davon sprechen, den Schmutz wegzutragen oder irgendwie zuzudecken. Dabei ist aber zu beachten, daß Lev 4 sehr zurückhaltend ist, wenn es um den Einsatz dieser Bilder für die Beseitigung von Vergehen und deren Spuren geht. Dasselbe gilt auch für Lev 16. Allein im Zusammenhang mit dem Bock für Azazel spricht Lev 16,21f davon, daß der Bock alle Sünden in die Einöde trägt.

Von besonderem Interesse sind noch Ganes Beobachtungen zu den unterschiedlichen Begriffen und Behandlungen von "Vergehen". Während des Jahres wird das Vergehen  ht’t, insofern es nicht absichtlich begangen wurde und sühnbar ist, durch das geeignete Reinigungsopfer am äußeren Heiligtum oder am äußeren Altar von der schuldigen Person gereinigt, am Tag der Versöhnung hingegen wird das Vergehen ht’t durch das spezielle Reinigungsopfer im inneren Heiligtum vom ganzen Heiligtum gereinigt und zusätzlich vom Lager der Israeliten gebannt und vom Volk gereinigt (S. 299). Das konkrete Vergehen ht’t eines einzelnen Israeliten wird demnach zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten im Kult am Heiligtum behandelt. Mir scheint, daß das ht’t dabei als quasi materielles "Miasma" verstanden wird, das zunächst bis zum nichtkalendarischen Reinigungsopfer am Täter haftet und dann noch bis zum Tag der Versöhnung am Heiligtum, am Lager der Israeliten und am Volk Israel insgesamt. Muß der Hohepriester folglich den Täter bzw. die Täter am Versöhnungstag noch einmal vom Vergehen ht’t reinigen (kpr), weil er bzw. sie auch zum Volk Israel gehört bzw. gehören (vgl. z.B. Lev 4,20 und Lev 16,16)? Lev 16 verweist jedenfalls nicht auf Rituale, die bereits an vorangehenden Tagen ausgeführt worden sind. Sehr wohl weist Lev 16 auf begangene Vergehen der unterschiedlichsten Art, insbesondere auf das Vergehen der Söhne Aarons in Lev 10,1f.

Schließlich folgt Gane den Spuren seines Lehrers Milgrom, wenn er die Theodizee als Basis des israelitischen Opfersystems ausgibt. Die Definition von Theodizee auf Seite 324, "der Versuch den Glauben an Gott mit dem Leiden in der Welt zu versöhnen", verrät sogleich, daß es sich um "intellektuelle" Versöhnung handelt. Der Denker steht vor der Aufgabe, zwei ganz unterschiedliche Begriffe zusammenzudenken: Wie ist es möglich, Gottes Gerechtigkeit mit seiner Vergebungsbereitschaft, zumindest in gewissen Fällen, zu versöhnen? Gane weist dabei auf das Mose-Wort in Num 14,19 und unterstreicht, daß YHWH, der seinem Volk die Ungerechtigkeit vergibt, diese auch irgendwie selbst "tragen" muß. Dies sei der Preis für seine Vergebung. Interessant ist dabei wie YHWH auf die inständige Bitte Moses antwortet: "Ich verzeihe ihm (dem Volk Israel) gemäß deinem Wort" (Num 14,20). Der Autor scheint offensichtlich kein Interesse daran zu haben, wo das Vergehen Israels bleibt. YHWH vergibt souverän und bestimmt, wer in das gelobte Land kommen soll. Wer bestimmt denn den Zeitpunkt, zu dem das Maß der Verunreinigung voll ist, so daß das Ende des Heiligtums ansteht und das gelobte Land seine Bewohner ausspeit?

Insgesamt ist Jacob Milgrom zuzustimmen, wenn er die Untersuchung von Roy Gane als Standardwerk für die kommende Zeit lobt.


 
 
 
 
 
 
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