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Rivista Antonianum
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Foto Volgger David , Recensione: Gabriele Metzner, Kompositionsgeschichte des Michabuches, in Antonianum, 74/1 (1999) p. 163-165 .

Mit diesem Band der Europäischen Hochschulschriften aus dem Peter Lang Verlag legt die Autorin eine überarbeitete Fassung ihrer 1995 abgeschlossenen Dissertation an der Humbold-Universität Berlin vor. Metzner hat mit dem Michabuch ein überschaubares biblisches Textkorpus gewählt. In 147 Punkten zur Textkritik der sieben Kapitel des Michabuches (S. 13-53) weist d. A. den masoretischen Text in den meisten Fällen als akzeptable Textgrundlage der Textinterpretation aus. Diese sorgfältige Konstituierung der Textgrundlage wird in der Übersetzung des gesamten Textes (S. 185-196) mitberücksichtigt. Für diese zweifache Klärung der Textgrundlage, für textkritische Entscheidungen und Übersetzung des hebr. Textes, ist der Leser besonders dankbar.

Im folgenden Kapitel untersucht d.A. die `Endgestalt´ des Michabuches (S. 55-94). Ein informativer Forschungsüberblick präzisiert die Aufgabe dieses Untersuchungsschrittes. Für d.A. gliedert sich das Michabuch v.a. in die zwei Großabschnitte Kapitel 1-5 und Kapitel 6-7 (S. 58f). Diese beiden Teile werden auf den folgenden Seiten in ihrer Feinstruktur dargestellt. Beobachtungen zu sprachlichen Gliederungsmerkmalen führen zur Abgrenzung zahlreicher Einzelabschnitte. Dabei wird die traditionelle Kapiteleinteilung von Mi durchaus berücksichtigt. Innerhalb des ersten Großabschnittes bilden allein die Kapitel 4 und 5 eine in sich geschlossene Komposition, die in der Einzelanalyse von den anderen Kapiteln gesondert behandelt wird (S.75-82). Zum Abschluß wird noch das Verhältnis der beiden Teile (Mi 1-5 und 6-7) zueinander untersucht. Beide Teile beginnen mit einem Höraufruf (1,2; 6,1). Prophet (1,2) bzw. Volk (6,1) sind die Vermittler der Botschaft. In beiden Teilen ist Gerichtsterminologie zu finden. Beide Teile „enthalten je einen Unheils-  und einen Heilsteil, deren Übergänge (3,11f.-4,1-4; 7,7) die Abschnitte zusammenbinden“ (S. 90). Ähnlichkeiten bzw. Unterschiede bezüglich `Stellung der Völker´, `Sozialkritik´, `Rede vom Rest´, `Beispiel des Nordreichs´, `ÝÕÙ-Begriff´ und `Verwendung von èâÙ´ geben einen ersten Eindruck der jeweiligen Texttypik.

Im folgenden widmet sich d.A. der Untersuchung der Kompositionsgeschichte des Michabuches, d.h. der diachronen Einschätzung verschiedener Textabschnitte. Ein relativ ausführlicher Forschungsüberblick (S. 95-109) vermittelt dem Leser zahlreiche Lösungsvorschläge zur Problemstellung. Beginnend mit Mi 3 entwickelt d. A. ihre eigenes Schichtungsmodell zum Michabuch: In Mi 1-5 werden die Kapitel 1-3 v.a. in michanisches Gut und eine exilische Sammlung eingeteilt. Eine zweite exilische Bearbeitung habe `Rettungssprüche´ Mi 4,9-5,5* hinzugefügt. Die tolerante Perserherrschaft habe eine heilsprophetische Ausrichtung des Michabuches zur Folge gehabt (Mi 4,1-4*.6.7a.8). Mi 4,5.7b sei einer heilsprophetischen liturgischen Ergänzung zuzuweisen. Zur letzten Überarbeitungsschicht (Ende 4.Jh.v.) gehört Mi 1,2; 5,14; 4,3a; 5,6f; 5,8.9-13; 5,4b.5a; 5,2; 5,3b* (S. 152-155). Mi 6 und 7 wird hingegen als Fortschreibung verstanden, die im Grundbestand Mi 6,9-16ba an vorexilische Sozialkritik anknüpft. Dabei sei die Abfassung von Kapitel 6 in spätpersischer bzw. frühhellenistischer (6,1.16bb) Zeit geschehen. Die Abfassung von Kapitel 7 reiche sogar in die Zeit nach 311v.Chr.

Dieses differenzierte Schichtungsergebnis (Schicht I-IX vgl. S. 185ff) wird noch mit den neueren Forschungen zur Entstehungsgeschichte der `hinteren´ Propheten in Beziehung gesetzt. Ein knapper Forschungsüberblick (S. 177-180) macht den Leser mit einigen diesbezüglichen Ergebnissen bekannt. Nach Einschätzung d. A. ist ein dtr. Prophetencorpus, bestehend aus Mi 1-3*, Hos*, Am* und JerD, nicht unwahrscheinlich. Auch die von Steck (1991) erforschte Fortschreibung I im Jesajabuch sei in Mi 1-5.6 (bzw. im Mehrprophetenbuch insgesamt) nachweisbar. Teile von Mi 7, die v.a. eine negative Einschätzung der Völker enthalten, entsprechen der Fortschreibung II des Jesajabuches und bestätigen die Tradierung des Michabuches in jesajanischen Kreisen. Eine positive Sicht der Völker (Mi 7,11b.12b) sei mit der Einfügung des Jonabuches in die Prophetensammlung einhergegangen.

Ohne Zweifel bewegt sich die Untersuchung auf der Höhe heutiger exegetischer Forschung. Die drei Forschungsberichte zeugen von einer profunden Kenntnis der Interpretationsgeschichte des Michabuches. Ein besonders Verdienst kommt den Bemühungen zu, die diachrone Schichtung des Michatextes mit anderen Schriften v.a. aus den hinteren Propheten in Zusammenhang zu bringen. Zahlreiche Querverweise öffnen die Augen für die Vernetzung der verschiedenen `Einzelschriften´. Kein sorgsamer Beobachter dieser Untersuchung kann sich des Eindrucks erwehren, daß das Verstehen des Michabuches in dem Maße zunimmt, in dem die Verflechtung mit anderen vornehmlich prophetischen Schriften in Rechnung gestellt wird. Unbestritten wird man auch der Grundlinie dieser Untersuchung zustimmen, daß im Laufe der Zeit ein Textzusammenhang in Mi und darüber hinaus entstanden ist. Wie und wann dies geschehen ist, darüber gehen natürlich die Meinungen auseinander. Durchaus problematisch erscheint mir z.B. das Ergebnis der Untersuchung, daß die negative bzw. positive Einschätzung der Völker als chronologisches Einteilungskriterium für literarische Schichten gelten kann (vgl. z.B. S. 182f). Das scheint mir umso unwahrscheinlicher, da sich eine chronologische Abfolge dieser Einstellungen den Völkern gegenüber in der Analyse d. A. - z.B. unter persischer (vgl. S. 155) bzw. griechischer (vgl. S. 176) Herrschaft - wiederholt. Wenn der Umgang und die Auseinandersetzung mit den Völkern die Propheten und Israel aber ständig begleitet haben, drängt sich vielmehr die Frage auf, welche Kriterien für eine positive und zugleich negative Einschätzung der Völker im Laufe der Zeit entwickelt wurden. Und da läßt das Michabuch keinen Zweifel: YHWH, der Gott Israels / Judas, verfügt über Sieg und Verlust der Völker und auch des Volkes Israels bzw. Judas. Der Umgang mit den Völkern unterliegt in diesem konzeptuellem Zusammenhang nicht geschichtlichen Veränderungen, die in den diachronen Textstadien des Michabuches ihre Spuren hinterlassen hätten.

Zudem erscheint mir die soziale Dimension der Einschätzung anderer Völker in Israel/Juda nicht von der religiösen Dimension, die als inneres Beurteilungskriterium veranschlagt wird, abgehoben. Von daher bezweifle ich auch die Rekonstruktion diachroner Textstrata auf dem Hintergrund der Trennung von sozialen und religiösen Mißständen. Um Mi 3,11 von seinem Kontext literarkritisch abzuheben, sieht d. A. unter anderem eine Spannung zwischen 3,10 und 3,11, da in 3,10 ein soziales Vergehen, in 3,11 hingegen ein religiöser Mißstand angeprangert wird (S. 113). Daß Kult und soziales Verhalten differenziert werden kann, ist klar. Daß aber beide Bereiche prinzipiell schon differenziert gewesen wären, läßt sich für die alttestamentliche Zeit wohl kaum behaupten. Von daher ist es kein Widerspruch, wenn kultische und soziale Vergehen zusammen genannt werden. Die Annahme einer diesbezüglich diachronen Schichtung des Textes scheint nicht notwendig zu sein. Die historisierenden Beschreibungen zur Kultkritik in vor- und nachexilischer Zeit (S. 170ff; zu Mi 6,2-8) rechnen mit einer Verstärkung der Sühnefunktion am 2. Tempel, die wiederum eine höhere Einschätzung des sozialen Verhaltens vonseiten der `Unterschicht´ provoziert habe. Wie auch immer man zu solchen Konstruktionen historischer Geschehnisse stehen mag, eines geht daraus hervor: Kultisches Geschehen und soziales Bewußtsein scheinen zumindest in diesem Fall in einem Wechselverhältnis zu stehen.

Je mehr man die diachronen Schichtungen dieser Untersuchung zu verstehen sucht, umso mehr wünscht man zu erkennen, welches Geschichtsbild Israels bzw. Judas im Hintergrund der Arbeit von Metzner steht. Geht man davon aus, daß das Michabuch sicherlich nicht insgesamt aus der Hand des Propheten Micha (8.Jh.v.) stammt und daß für die wissenschaftliche Rekonstruktion der Geschichte Israels bzw. Judas kaum mehr als einzelne Fakten wie z.B. `Zerstörung Samarias 722´, `Einnahme Philistäas durch die Assyrer 712/711´ usw. (vgl. S. 152-155) unbestritten sind, so stellt sich zum Schluß die Frage: Sollte man in der diachronen Textanalyse biblischer Texte nicht auch auf eine wissenschaftlich verantwortbare, narrativ-ausformulierte Geschichtsschreibung der Vergangenheit Israels bzw. Judas vermehrt Gewicht legen? Dies ist natürlich nicht Aufgabe der vorliegenden Dissertation gewesen.

Der Autorin kommt u.a. das Verdienst zu, in einer so komplexen Forschungslage eine übersichtliche, klar gegliederte und sprachlich gut ausformulierte Analyse zur Kompositionsgeschichte des Michabuches vorgelegt zu haben.

 


 
 
 
 
 
 
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