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Rivista Antonianum
Informazione sulla pubblicazione

 
 
 
 
Foto Volgger David , Recensione: Ulrich Berges, Das Buch Jesaja. Komposition und Endgestalt , in Antonianum, 74/3 (1999) p. 555-558 .

In seiner Habilitationschrift widmet sich U. Berges der Exegese des Jesajabuches. Blickt man auf die Sekundärliteratur, die die wissenschaftliche Beschäftigung mit Jesaja hervorgebracht hat - und diese füllt einige Bücherregale -, sieht man auch noch auf das fast schwindelerregende Unterfangen, das gesamte Jesajabuch von Kapitel 1-66 exegetisch zu untersuchen, mag der Umfang von fast 600 Seiten einleuchten. Die Gesamtheit des Buches Jesaja, seine Komposition in den Blick zu bekommen, ist ein schwieriges, aber nichtsdestoweniger notwendiges Unterfangen heutiger Exegese. Dabei ist von vornherein klar, daß Berges sich nur auf eine geschickte Auswahl aus der Informationsfülle zum Jesajabuch einlassen kann. In einem ersten Kapitel sucht d.A. sein Anliegen, die Einheit des Textes in all seiner Komplexität (S. 47) in der Forschungsliteratur zu verankern. Dabei stößt d.A. überwiegend auf anglophone Wissenschaftler: Liebreich (S. 15); Brownlee (S. 16), Sweeney (S. 17), Watts (S. 19), O`Connell (S. 21),), Dumbrell (S. 25), Webb (S. 25), Conrad (S. 26), Roberts (S. 27), Anderson (S. 27), Clifford (S. 28), Ackroyd (S. 29), Childs (S. 32), Sheppard (S. 35), Seitz (S. 36), Brueggemann (S. 38), Wiklander (S. 40), Clements (S. 42). Exegeten, die in Deutsch [Rendtorff (S. 30), Steck (S. 39), Becker (S. 41)], oder Französisch [Lack (S. 22), Vermeylen (S. 44)] publizieren, bilden die Ausnahme. Zudem unterscheiden sich die Erklärungsversuche zur Einheit des Buches Jes. Berges unterscheidet im wesentlichen sechs Wege: Die Suche nach der Gesamtstruktur, `close-reading´ - `holistic interpretation´, themenorientierte Auslegung, kanonkritische und kanonische Auslegung, ideologiekritische und pragmatische Auslegung, redaktionskritische Ansätze. Mit diesem Überblick sucht Berges der `geschichteten Geschichte´ (S. 535) des Jesajabuches auf die Spur zu kommen, ohne von einem zu starken Einheitszwang einer federführenden und leserlenkenden Endredaktion (S. 48) auszugehen. Dies entspreche der hohen Textkomplexität, in der „Teilkompositionen, die aufeinander aufbauen, sich ergänzen, wobei die späteren die bereits vorliegenden Sammlungen respektieren“ (S. 48).

Nach diesen methodischen Überlegungen wendet sich d.A. dem Jesajatext zu beginnend mit Jes 1,1. Einerseits sucht er, ähnlich einem Kommentar, der Textabfolge möglichst treu zu bleiben. Andererseits berücksichtigt er in seiner Exegese die diachrone Komponente der Textgenese jeweils im Kontext größerer Texteinheiten, die im Extremfall das gesamte Jesajabuch betreffen. Dabei läßt sich Berges auf folgendes Textgenesemodell ein: Wer das Jesajabuch von Kapitel 1-66 liest, hat von zwei geographisch unterschiedlichen Orten der Texttradierung auszugehen. Es handelt sich dabei um die Orte Jerusalem und Babylon bzw. `Babylonien´. Am Zion seien die Kapitel *1-32 entstanden, in der babylonischen Diaspora v.a. die Kapitel *40-48, die in zwei Jerusalemer Redaktionen (S. 368-403) auf Jes *40-55 angereichert wurden. Im 5. Jh. seien diese beiden Textkorpora in Jerusalem zusammengestellt und zusammenkomponiert worden. Dieser Prozeß sei durch die gemeinsame Zionszentrierung beider Traditionen begünstigt und durch die Einfügung einzelner `Brückentexte´ (z.B. 33 (später, nach Einfügung des Edomkapitels 34 [Ende 5. Jh.v.] ) 35 S. 242ff.256ff) erleichtert worden.

In Jes 1-33 sei ein Kernbestand jesajanischer Botschaft (*6,1-8,18) auszumachen, der vorexilisch auf *5,1-10,4 angewachsen sei. Die weitere Textegenese habe in nachexilischer Zeit bis spätestens in hellenistische Zeit stattgefunden.

Die Kapitel Jes 56ff enthalten den `tritojes´ Grundbestand *60-62, der um Jes 56,9-59,21, die `Umkehr-Redaktion´ und schließlich um Jes 56,1-8 mit 63,1-66,26, der Redaktion der Knechtsgemeinde, erweitert worden sei. Die Knechtsgemeinde wird dabei als Gruppe der nachexilischen YHWH-Gemeinde gekennzeichnet und historisch in die Zeit nach Mitte 5. Jh.v. (Zeit der Umkehrredaktion, vgl. S. 482) datiert. Jes 36-38.39 habe erst in dieser Zeit den Weg in das Großjesajabuch gefunden. Eine weitere wichtige historische Komponente des Buches verberge sich in der Entwicklung von universalisierter zu völkerausschließender (11,11-16; 27,12f; 35,9b-10 S. 546; vgl. noch 19,16-25: `Vielfalt von YHWH-Völkern´ S.164) Konzeption des YHWH-Volkes. Erstere Phase wird dabei der persischen Epoche, letztere der hellenistischen zugerechnet.

Neben diesem Grobmuster der Textgenese könnten freilich noch viele Details erwähnt werden. Am Ende muß dennoch nach der Tragfähigkeit dieser diachronen Sicht der Jesajatexte gefragt werden. Berges bemüht sich wiederholt um die Kenntnisnahme der historischen Rekonstruktion der Geschichte Israels und seiner Nachbarstaaten und -provinzen (vgl. v.a. S. 87-93. 145-153. 207-221.277-283. 334-338). Wenn die außerbiblischen Quellen kaum mehr als eine Identifizierung von Namen und Ereignissen v.a. kriegerischer Art zulassen, bleibt der historisch interessierte Interpret im wesentlichen auf das Jes-Buch als historische Quelle verwiesen. Die historische Sicht der Textproduktion des Jes-Buches entbehrt im Grunde jeder stichhaltigen Verankerung in der außerbiblischen Geschichte. Erst mit den Rollen in Qumran, die gleich das gesamte Jes-Buch enthalten, hat man sicheren Boden unter den Füßen. Über die historischen Entwicklungen im 1. Jt.v. in Israel und Umgebung weiß man eigentlich zu wenig, um von einer Ereignisgeschichte sprechen zu können. Zu lückenhaft sind die Informationen aus diesem Raum und dieser Zeit, auch wenn man vergleichsweise zu anderen Randgebieten großer antiker Reiche noch bedeutend weniger Quellenmaterial zur Verfügung hat. Für eine diachrone Verortung der Texte, wie sie Berges im Vergleich zu manch´ anderem Wissenschaftler sogar noch moderat und vorsichtig vornimmt, schließt dieser Sachverhalt ein erhebliches Moment an Ungewissheit bzw. eine große Offenheit für viele mögliche Interpretationen ein. Liest man die Ausführungen von Berges mit dieser Vor-Sicht, so bleibt auch noch Raum für neue, ev. überraschende Forschungsergebnisse.

Ein zentrales Moment jesajanischen Schrifttums ist die Beziehungsbestimmung Israels zu den Völkern - und zu YHWH. Berges weist dabei treffend auf die Ambivalenz der Fremdvölkersprüche in 13-23 hin. Der Vernichtung der YHWH-feindlichen `Städte´ steht die heilschaffende Hinwendung zum Zion entgegen. YHWH-Feinde kann es auch in Israel geben. Berges schließt daraus, daß nicht mehr das Ethnos, sondern das Ethos - und zwar ein universales YHWH-Ethos - Scheidepunkt im YHWH-Gericht sei (vgl. 24-27). Dies scheint jedoch kaum der Hermeneutik der Mose-Tora zu widersprechen, die die Sonderstellung Israels als erwähltes Gottesvolk einerseits in der persönlichen Erwählung Abrahams begründet sieht, andererseits in der Erwählung Moses, der mit und gegenüber dem Volk Israel die Gesetze YHWHs als bleibendes Ethos für Israel empfängt und weitergibt. Die Offenbarung geschieht freilich im Horizont der Völker, einerseits negativ in der Ablehnung `fremder´ Völker, die YHWH nicht verehren (vgl. die Fremdvölkersprüche in Jes), und andererseits in der Offenheit auf die Völker, die sich der YHWH-Offenbarung in ihrer eigenen Herkunft `erinnern´. Denn YHWH hat alle Völker geschaffen (vgl. auch Noach und Gen 10) und in Abraham Israel - zum Zeichen für alle Völker - als ersten dazu auserwählt, sich dem Wort YHWHs - nach der babylonischen Verwirrung (Gen 11) neu anzuschließen. Dabei rechnet die Tora nicht mit der Aufhebung der nachsintflutlichen Aufspaltung der Menschen in Ethnien, nicht zuletzt, weil durch Israel, das als priesterliches Ethnos für die Völker auftritt, die Tora YHWHs (aus Jerusalem) für alle Zeit vermittelt wird (vgl. dazu z.B. Dtn 4,5-8). Damit soll zum Ausdruck kommen, daß YHWH und seine Weisung alle Ethnien betrifft. In der historischen Realität der 2. Hälfte des 1. Jts.v. wird dieser werbende Anspruch Israels wohl noch geringe Relevanz für die Völkerwelt gehabt haben. Von daher wäre auch noch einmal zu fragen, ob die hellenistische Redaktion Jes 11,11-16; 27,12f und 35,9b-10 (S. 546; ev. mit Jes 19,16-25) mit ihrer Konzentration auf die Diasporajuden nicht doch das zentrale Moment der Ausrichtung aller Völker auf die Zionsgemeinde trifft. Die Völker dürfen ihrerseits in den bei ihnen wohnenden Diasporajuden `ihr´ priesterliches Volk erblicken. 

Diese Gedanken, die an die Ausführungen Berges anschließen, sollen lediglich zeigen, wie notwendig es ist, das gesamte Jesajabuch in den Blick zu bekommen. U. Berges hat sich dieser schwierigen Aufgabe gestellt und ein klar gegliedertes, einleuchtend konzipiertes Modell zur Jesajaexegese durchgeführt. Dafür gebührt dem Autor größte Anerkennung.

 


 
 
 
 
 
 
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