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Rivista Antonianum
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Foto Volgger David , Recensione: FRIEDRICH FECHTER, Die Familie in der Nachexilszeit. Untersuchungen zur Bedeutung der Verwandtschaft in ausgewählten Texten des Alten Testaments , in Antonianum, 74/4 (1999) p. 730-733 .

Fechter widmet seine Habilitationsschrift an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg der Thematik `Familie in nachexilischer Zeit´. Er untersucht dabei folgende Texte: Jos 7; Lev 18; 1 Sam 10,7-25, Rut, Mi 7,1-7. Diese fünf Textbereiche werden ausführlich analysiert und auf die relevante Fragestellung hin ausgewertet.

In der Einleitung (S. 1-33) erschließt Fechter den Zugang zu seinem Thema. Zudem bietet er einen breit angelegten Forschungsüberblick, aus dem er Folgerungen für seine Untersuchungsmethode zieht. Fällt es heute wie damals schwer, eine exakte Definition davon zu geben, was denn eine Familie eigentlich ist, betont Fechter, daß das Wesen der Familie nicht unabhängig vom Wertesystem einer Gesellschaft beschrieben werden kann (S. 9f). Die Familie erscheint als Produkt sozialer Interaktion, ihre Erscheinungsform ist in der jeweiligen Gesellschaft variabel. Im Forschungsüberblick - beginnend mit einer Arbeit aus dem 18. Jh. - findet Fechter die  relevanten Texte (v.a. Jos 7 und Lev 18) behandelt. Die neuere Exegese veranlaßt ihn dazu, den sorglosen Umgang mit diesen Texten für die Situation der `Familie´ in der `Frühzeit´ Israels zu kritisieren. Die Berücksichtigung diachroner Untersuchungen wird Fechter den Schlüssel zum Verständnis der Texte Jos 7, Lev 18 und Mi 7,1-7 liefern: Die Erfahrung des Exils, der Zusammenbruch zentraler Institutionen, hat in der frühen nachexilischen Zeit zu einer religiös gefaßten Neukonstituierung der Gesellschaft geführt, in dessen Mittelpunkt die Vorstellung gemeinsamer Verwandtschaft der Angehörigen dieser Gesellschaft steht (vgl. S. 326). Nicht so sehr die Entstehung zentraler Instanzen, sondern der Zusammenbruch derselben wäre das eigentliche Movens für diese Neukonstituierung der Gesellschaft basierend auf Familien- und Lineagebeziehungen gewesen. In diese Konzeption der Geschichte Israels werden alle relevanten Texte integriert.

Jos 7, Achans Diebstahl und Bestrafung, fungiert als Bindeglied zwischen den beiden Eroberungserzählungen von Jericho und Ai. Erst als Achan und seine Familie aus Israel ausgemerzt sind, müssen keine negativen Folgewirkungen des schuldigen Achan befürchtet werden. Die Durchführung des Losverfahrens gibt gesellschaftlich relevante Gruppierungen zu erkennen. Der Text wird im wesentlichen dem deuteronomistischen Schriftsteller Dtr H zugeschrieben, wobei ein späterer Redaktor (Dtr N) die verwandtschaftliche Einbindung des Individuums in eine Deszendenzlinie präzisiert habe (S. 88). Der Text passe somit in die historische Entwicklungslinie der Familie, wie sie in der Hauptthese formuliert ist. Die exilisch-nachexilische Zeit habe verstärktes Interesse an verwandtschaftlichen Beziehungen gezeigt. Dieser Befund wird durch die Untersuchung von 1 Sam 10,17-25, der öffentlichen Königswahl Sauls, bestätigt (Dtr H: 10,17.20-25; in 10,18f Dtr N). Das Königtum habe zwar die verwandtschaftlich bestimmten Strukturen nicht unverändert belassen, ihrem Wesen nach seien diese aber bestehen geblieben (S. 111).

In der Exegese zu Lev 18 unterscheidet Fechter eine Inzestreihe (18,7-16*), die in nachexilischer Zeit in den Kontext, in einen Sexualnormenkatalog, eingefügt worden sei (18,19-23*). Die Verse 18,17f, die Elemente aus beiden Textbereichen (18,7-16* und 18,19-23*) aufgreifen, bilden einen Brückentext, der von Ehehindernissen handelt. In diesem Kontext werde der Inzestkatalog als Regelwerk zur Eheschließung verstanden (S. 175). Der Inzestkatalog 18,7-16* weist ursprünglich eine Sozialstruktur einer patriliniaren Großfamilie auf. Die nachexilische Integration dieses Textes in einen vorliegenden gerahmten Sexualnormenkatalog habe die Hervorhebung der konjugalen Verbindung des elterlichen Paares bewirkt. Fechter vermutet darin eine Verbesserung der gesellschaftlichen Rolle der Frau. Der Endtext Lev 18 weise beinahe eine bilaterale Gestaltung des Verhältnisses Mann - Frau auf (S. 316). Die Familie sei folglich in späterer Zeit von der ehelichen Bindung her definiert worden (S. 317). Zwei Exkurse (1. Warum fehlt die Tochter in der Inzestreihe Lev 18,7-16? (S. 177-187) und 2. byt  ~b und byt  ~bwt (S. 211-217)) bereichern die Ausführungen zur Analyse von Lev 18, die in der Arbeit Fechters eine bedeutende Rolle einnehmen. Das Ergebnis der Analyse entspricht der Hauptthese: Lev 18, besonder der relevante Abschnitt 18,7-16* wird am ehesten als exilisch-nachexilische Textbildung verständlich.

Das Buch Rut sei nach Fechter ein literarisches Zeugnis für die Bedeutung der Verwandtschaft in der frühnachexilischen Zeit. Das Levirat, wie es in Dtn 25,5-10 vorgestellt wird, spielt in Rut nicht die zentrale Rolle (S. 258-265), wohl aber die Funktion des Goel. Der Goel ist zunächst derjenige, der den Fortbestand des verwandtschaftlichen Bandes zwischen Lebenden und Toten zusammenhält. Sodann ist das geborene Kind Goel, insofern es die Frauen Noomi und Rut von einer als hoffnungslos erscheinenden Wirklichkeit befreit. Schließlich ist YHWH Goel, insofern er den betreffenden hôsd erweist, auch wenn der äußere Anschein der Umstände dies vorerst nicht zu erkennen gibt (S. 282-285). “Verwandtschaft stellt nach dem Rut-Buch einen gesellschaftlichen Wert dar, weil durch sie das Individuum Identität findet.“ (S. 323).

Mi 7,1-7, v.a. den Grundtext Mi 7,1-4a.5.6 wertet Fechter als Beispiel für die krisenhafte Situation der Familie in nachexilischer Zeit. Der Text werde verständlich auf dem Hintergrund der Entwicklung von einer egalitären Gesellschaft zu einer Klassengesellschaft (S. 288f). Mi 7,1-7 sei Ausdruck dafür, daß das Modell einer auf der Familie gegründeten Gesellschaft gescheitert ist. - Zusammenfassung, Nachwort, Glossar, Literaturverzeichnis und Bibelstellenregister runden die Untersuchung ab.

Ohne Zweifel stellt diese Arbeit einen argumentativ kohärenten und wohl überlegten Beitrag zur Erforschung der Familie in biblischer Zeit dar. Der Anschluß an das Göttinger Schichten-Modell bezüglich der dtr. Texte ist die erste Grundsatzentscheidung Fechters. Von daher versteht sich fast von selbst, daß Texte, die vorgeben, von längst vergangenen Zeiten der israelitischen Frühgeschichte zu berichten, eigentlich relativ späten Ursprungs, aus exilisch, nachexilischer Zeit stammen. Fechter meint in dieser Zeit einen qualitativen `Sprung´ in der Bewertung der Familie nachweisen zu können. Nun geben auch die Autoren biblischer Texte vor, qualitative Unterschiede, Periodisierungen der Vergangenheit Israels wahrnehmen zu können. Dabei spielt jedoch die exilisch-nachexilische Zeit keine bedeutende Rolle. Der heutige Forscher, der gerade dieser Zeit eine neue, `positive´ Qualität zuerkennen will, muß davon ausgehen, daß die biblischen Autoren historisch naheliegende Entwicklungen in die Vergangenheit zurückprojeziert haben. Dabei sei dieses Vorgehen so gut gelungen, daß in den biblischen Schriften kaum noch eine Spur von der tatsächlichen neuen Entwicklung in der exilisch-nachexilischen Zeit zu bemerken sei. Dennoch ist zu fragen, ob nicht doch die Darstellung biblischer Bücher, die bezüglich der Institution `Familie´ in exilisch-nachexilischer Zeit eher Kontinuität zur früheren Geschichte Israels zu erkennen geben, zutreffender ist. Dies würde bedeuten, daß die untersuchten Texte nicht so sehr Reflex neuer historischer Prozesse, vornehmlich exilisch-nachexilischer Zeit, darstellen, sondern eine Zusammenstellung verschiedenster Traditionen, denen kaum ein exaktes historisches Ereignis als Abfassungsdatum zuerkannt werden kann. Vor allem für die Gesetzestexte dürfte dies zutreffen, da die Qualifizierung dieser Texte als göttliche Weisung einer Rechtskonzeption, die an erster Stelle gesellschaftliche Prozesse als determinierenden Faktor für das Rechtsverständnis verantwortlich macht, nicht entsprechen würde.

Zudem würde die obige Annahme bezüglich der Texttraditionen nicht der Annahme widersprechen, man hätte in den meisten Fällen dieser Textabschnitte mit Niederschriften aus nachexilischer Zeit zu rechnen. Wenn den biblischen Vorschlägen von Periodisierungen, `Entwicklungen´ von Institutionen mit kritischer Aufmerksamkeit zu begegnen ist, müssen auch historische Schematisierungen unserer Zeit als begrenzte Zugänge zur Fülle und Vielfalt tatsächlichen Lebens vergangener Zeiten beachtet werden. Erst unter Beachtung dieser Grundsatzentscheidung wird meines Erachtens ein produktiver Umgang mit der erkenntnisreichen Arbeit Fechters erfolgen können.

 


 
 
 
 
 
 
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